Grüne Wälder, weite Täler: Wandern bei Bodenmais
Bayerischer Wald
In der Ruhe liegt das Glück
Frische Waldluft schnuppern, in stille Wasser blicken, über grüne Höhenzüge wandern und immer wieder tief durchatmen: Kommen Sie runter im Bayerischen Wald!
Pünktlich um sieben Uhr parke ich am Fuße des Silberbergs. Am Treffpunkt wartet er bereits, ganz entspannt an einen Baum gelehnt: ein Bär von einem Mann, Vollbart, Filzhut, kariertes Hemd, blitzblaue Augen. „I bin der Woid Woife“, sagt er im breiten Bayerisch und lacht. „Auf Hochdeutsch Wald Wolfgang.“ Er geht in die Hocke, greift ins Laub, lässt feuchte Erde und Tannennadeln durch seine Hände rieseln. „Ist das nicht ein Wahnsinn, wenn der Bayerische Wald erwacht?“ Recht hat er: Die Luft riecht unfassbar rein. Tau glitzert auf Farnen. Feiner Nebel zieht über einen Bach. Vögel zwitschern und der Woife antwortet ihnen, so scheint es mir jedenfalls. „Das geht, wenn man aufhört, sich für die Krone der Schöpfung zu halten.“
In diesem Wald findet jeder sein Plätzchen
Was für ein Glück, mit diesem Naturburschen unterwegs zu sein. Er ist ein echter Waidler, wie sich die Menschen im Bayerischen Wald selbst nennen. In seinem früheren Leben hieß er Wolfgang Schreil, war Bodybuilder, Kraftakrobat, Deutscher Meister im Steinheben, Totengräber. Heute sitzt er am liebsten allein vor seinem Bauwagen irgendwo im Unterholz, kümmert sich um verletzte Tiere, streift durch die Natur, beobachtet, fotografiert, schreibt. Manchmal nimmt er auch Gäste mit auf Tour, so wie jetzt auf dem Natur-Entdeckerpfad in der Nähe des Ferienortes Bodenmais. „Wir haben so eine große Artenvielfalt, echte Wildnis, durch die Höhe ist es auch schön frisch im Sommer. Und jeder findet sein Plätzchen. Für mich ist es der schönste Wald, den es gibt.“
Hier will auch ich ein paar Tage unterwegs sein. Der Bayerische Wald zieht sich als Mittelgebirge vom Passauer Land bis hinauf nach Cham rund 100 Kilometer durch den Osten Bayerns. Und wächst jenseits der Grenze mit dem Böhmerwald zu einem der größten zusammenhängenden Waldgebiete Mitteleuropas zusammen. Doch nie hätte ich mit einer so offenen, beinah lieblichen Natur in den Tälern gerechnet. Mit so vielen sanft geschwungenen bewaldeten Bergketten ganz dicht hintereinander, bis sie in der Ferne mit dem Himmel verschmelzen. Und mit so leicht ersteigbaren Gipfeln.
Begegnungen mit Wölfen und Waldkauz
In Waldkirchen, keine Stunde nördlich von Passau, überrascht mich heitere Lebendigkeit – gepflegte Plätze, sanierte Fassaden und das weithin bekannte, persönlich geführte Modehaus Garhammer. In der obersten Etage gönne ich mir im Restaurant „Johanns“ ein Vier-Gänge-Mittagsmenü für 59 Euro von Sternekoch Michael Simon Reis und denke: Im Wald geht’s ganz schön schick zu!
Je weiter ich nach Norden fahre, desto enger werden die Täler, die Wälder geschlossener. Tief drin im Nationalpark Bayerischer Wald, im riesigen Tierfreigelände am Fuße des Lusen, sehe ich im Dickicht ihres Geheges zwei Wölfe herumstreifen, schaue einem Waldkauz tief in die Augen, beobachte ein Wisent und eine Elchfamilie auf einer sonnenbeschienenen Wiese. Nur ein paar Schritte abseits des Rundwegs verliert sich jede Ordnung. „Egal wie stark Stürme, Pilze oder der Borkenkäfer den Bäumen zusetzen: Hier greift kein Mensch mehr ein. Die Natur erholt sich selbst sehr schnell und schafft ihre eigene Wildnis“, schwärmt Rangerin Christine Schopf, die Besuchern seit über 20 Jahren diese ungezähmte Seite des Lusens zeigt.
Silberberg Der Hausberg von Bodenmais steckt mit Rodelbahnen, Klettergarten, Tubingbahn, Spielplätzen und Besucher-Silberbergwerk voller Attraktionen
Baumwipfelpfad Balancierbalken, Seil- und Wackelbrücken – und das alles bis zu 25 Meter über dem Boden – gibt es im Nationalparkzentrum Lusen
Großer Falkenstein Zahlreiche Wanderwege führen auf den 1.300 Meter hohen Gipfel. Von dort geht der Blick über den Bayerischen Wald bis zum Großen Arber
©Harald Schindler/stock.adobe.com
Vielleicht hat die lange Zeit im Abseits am Eisernen Zaun dazu geführt, dass der Bayerische Wald kein glatt gebügeltes Reiseziel geworden ist. Froh darüber, hier entspannter leben zu können, krempelt die junge Generation die Ärmel hoch und holt frisches Leben herein. Wie in Zwiesel und Bodenmais, wo sie die alte Glasmacherkunst nicht sterben lassen wollen und ich im „Glasparadies“ Joska einer jungen Glaskünstlerin über die Schulter schaue. Oder im beschaulichen Sankt Englmar, wo ich im Mitmachmuseum Bayerwald Xperium, tausendfach widergespiegelt, aus dem Lachen nicht mehr herauskomme.
Selbst am Großen Arber gibt es große Ruhe
Und über allem lockt der Königsberg des Bayerischen Walds, der Große Arber. Natürlich will ich hinauf, und zwar ganz bequem mit der Bergbahn. Auf dem Gipfel: viel Betrieb, Geruch nach Frittiertem, Antennen, ein großer Spielplatz. Doch auch hier reichen ein paar Schritte weg vom Trubel hinüber zu einer Nebenkuppe mit felsigem Aussichtspunkt. Und es herrscht – Ruhe. Ganz alleine stehe ich ganz vorne, nur durch ein durchhängendes Seil vom Abgrund geschützt. Unter mir zwei tiefblaue Seen, ein unendliches Meer aus Bäumen. Und in diesem magischen Moment denke ich: Woid Woife, du hast recht!
Nicole Schmidt
Hoteltipps für den Bayerischen Wald
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