Norwegen
Augen auf im hohen Norden
Fjorde und Meer, Gipfel und Küsten, grüne Weiten und schäumende Wasser: In Norwegen weiß man vor Naturschönheiten gar nicht, wohin man zuerst sehen soll
Man kann ja klein anfangen. Gleich nach der Ankunft in Oslo, mit einer Wanderung hinauf auf den Vettakollen über der Stadt: Da bekommen Wanderer schon mal einen Eindruck davon, was sie auf Norwegens Trails erwartet. Schmale, gewundene Wege auf steinigem Untergrund. Luft so klar wie aus der Sauerstoffflasche. Alte, knorrige Kiefernwälder. Vor allem aber: grandiose Panoramen. Auf Oslo selbst, auf den Oslofjord dahinter, und bei schönem Wetter reicht der Blick bis in alle Ewigkeit hinaus übers Meer. Auf dem Vettakollen stellt sich Urlaubern aber auch ein typisches Norwegenproblem: Wollen wir weiterlaufen – oder noch ein bisschen in die Ferne schauen?
Man kann hier tagelang alleine unterwegs sein
Wahrscheinlich gibt es in ganz Europa kein anderes Land, das mehr Möglichkeiten zum Wandern, Trekken und Kajaken bietet als Norwegen. Und keines, in dem dafür so viel Platz ist. Natürlich gibt es hier endlos viele Rundwanderwege, auf denen man nach drei, vier Stunden wieder zurück am Parkplatz und am Auto ist. Oder noch besser: am Wohnmobil, dem schönsten Fortbewegungsmittel für die norwegischen Weiten. Man kann in Norwegen aber auch tagelang alleine unterwegs sein. Ganz für sich. Ohne mehr als eine Handvoll Leute zu treffen.
Der beste Weg, möglichst viel Norwegen in den Urlaub zu packen, führt von Oslo die Küste entlang über Kristiansand hinüber nach Stavanger und anschließend „Richtung Norden, und dann immer geradeaus“. Viele nehmen sich zu Hause vor, bis zum Nordkap zu reisen, aber das sind selbst von Bergen aus noch rund 2.200 Straßenkilometer, und von denen sind bereits die ersten paar Hundert viel zu spektakulär, um einfach nur durchzurasen. Besser, man nimmt sich Zeit für ein kleineres Stück Norwegen.
Nach jeder Kurve wird es noch viel besser
Die Region zwischen Bergen und Ålesund zum Beispiel, mit ihrem Mosaik aus Gipfeln, Küsten, Buchten und Fjorden. Schon ein kurzer Blick bei Google Maps lässt erahnen, was da optisch auf einen zukommt – die Realität aber ist viel, viel beeindruckender. Alles, was man sich vorstellt, ist viel zu mickrig gedacht, in Wirklichkeit ist hier alles höher, größer, majestätischer, symphonischer – atemberaubender. In Douglas Adams Kultroman „Per Anhalter durch die Galaxis“ erzählt der „Planetenbaumeister“ Slartibartfaß von einem renommierten Designpreis, der ihm für den Entwurf der norwegischen Fjordküste verliehen wurde. Genauso fantastisch sieht es hier tatsächlich aus, und nach jeder Kurve wird es noch besser.
Und jeder Fjord verdoppelt seine Umgebung, weil sich alles in ihm spiegelt, selbst die Wolken hoch oben am Himmel. An sonnigen Tagen scheint sich das Licht kilometerweit in ihn hineinzuschieben. Und wenn es mal regnet? Dann machen sich Norwegens Wolken auf den Weg nach unten. Dann wirkt alles gedämpft, als habe die Welt die Pausetaste gedrückt. Und müsse sich kurz von ihrer eigenen Großartigkeit erholen.
Wer Lust auf das hat, was man gerne Zivilisation nennt, macht einfach einen Abstecher in eine norwegische Stadt. In das trotz seiner fast 300.000 Einwohner beschaulich wirkende Bergen etwa: Es gibt hier eine quirlige Kunst- und Kulturszene und mehr Restaurants als Fjorde. In Ålesund ist alles eine Nummer kleiner, ruhiger, lässiger. Und Oslo zählt sowieso zu den coolsten Städten der Welt. Im Sommer hält sich in der Hauptstadt jeder so oft wie möglich draußen auf, um die Luft und das Licht und die Schönheit seiner Stadt zu genießen – das Miteinander von Tradition und Avantgarde, das Nebeneinander von skandinavischer Schlichtheit und architektonischem Wagemut.
Auf den Vettakollen kann man an so einem Osloer Sommerabend übrigens problemlos auch noch nach dem Abendessen wandern: Von der gleichnamigen U-Bahn-Station sind es gerade mal zwanzig Minuten. Stefan Nink
Norwegen im Winter
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